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Wer nur über Stunden streitet hat die Realität nicht verstanden.

Mit klaren Worten und deutlicher Kritik an politischen Fehlentwicklungen hat die KAB Brand (Pfarrei Herz Jesu) ihren diesjährigen 1. Mai begangen. Nach dem Gottesdienst mit Pfarrer Maximilian Pravida begrüßte die Vorsitzende Gabi Bauer die rund 20 Teilnehmenden im Pfarrheim – und setzte damit eine über Jahrzehnte gewachsene Tradition fort: den Tag der Arbeit nicht lautstark, sondern inhaltlich ernst zu nehmen.

Die Mairede von Markus Nickl ließ daran keinen Zweifel. Unter dem Titel „Den Rahmen neu vermessen“ nahm er gängige politische Debatten in die Kritik – und stellte die unbequeme Frage, ob überhaupt noch über die richtigen Probleme gesprochen wird.

Sein Ausgangspunkt: ein drastisches Bild. Zwei Männer, die im Morast versinken und dennoch aufeinander einschlagen. Für Nickl ist das mehr als Kunst – es ist eine treffende Beschreibung unserer Zeit. „Wir streiten uns über Details, während uns die Grundlage entgleitet“, lautete die zentrale Diagnose.

Besonders deutlich wurde das am Beispiel der Arbeitszeitdebatte. Während politisch über längere Arbeitszeiten gestritten werde, gehe das eigentliche Problem unter: chaotische Abläufe, fehlende Planbarkeit und eine Arbeitsorganisation, die Menschen zermürbt. Die klare Ansage: Wer heute ernsthaft glaubt, man könne die Probleme durch mehr Arbeitsstunden lösen, verkennt die Realität im Alltag der Beschäftigten.

Auch die Gesundheitspolitik stand in der Kritik. Steigende Zuzahlungen, gedeckelte Leistungen und eine Finanzierung, die zunehmend auf die Beitragszahler abgewälzt wird – für Nickl ist das kein Ausdruck von Solidarität, sondern ein Systemfehler. Wenn gesamtgesellschaftliche Aufgaben über Sozialbeiträge finanziert werden, dann stimmt die Richtung nicht mehr.

Noch grundsätzlicher wurde die Kritik bei der Rente. Wenn Milliarden an sogenannten „Fremdlasten“ über die Rentenkasse laufen, während gleichzeitig über Leistungskürzungen oder längere Lebensarbeitszeiten diskutiert wird, dann geht es nicht mehr um Einzelfragen – sondern um die Glaubwürdigkeit des gesamten Systems. Wer hier von „Reformen“ spricht, ohne die Finanzierungslogik offenzulegen, betreibt Augenwischerei.

Der rote Faden der Rede war klar: Die eigentlichen Konflikte verlaufen nicht zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen oder zwischen Jung und Alt. Sie liegen dort, wo wirtschaftliche Macht und politische Entscheidungen auseinanderdriften. Oder zugespitzt: Während unten gestritten wird, werden oben die Regeln gemacht.

Dass diese Thesen nicht unwidersprochen blieben, zeigte die anschließende Diskussion. Gerade das aber machte den Wert der Veranstaltung aus: kein Abnicken, sondern ernsthafte Auseinandersetzung.

Die KAB Brand hat damit erneut gezeigt, dass der 1. Mai mehr sein kann als Ritual. Nämlich ein Ort, an dem unbequeme Wahrheiten ausgesprochen werden – und an dem der Versuch unternommen wird, die Dinge wieder vom Menschen her zu denken.

Text: Markus Nickl

Bild: KI-generiert